Streiflicht Kommunikation 1:
Wir sind ohne Schnupftabak!

Streiflicht Kommunikation 1

Für diesen Artikel setze ich voraus, dass Sie auch mal Kind gewesen sind und als solches auf die eine oder andere Weise die wunderbare Welt der Astrid Lindgren betreten haben. Eigene Kinder sind ein willkommener Anlass, um als Erwachsener dorthin zurück zu kommen. Mir selbst ist neulich ein Licht aufgegangen bei einer Szene aus Pippi Langstrumpf, die ich als Kind nicht verstanden habe und deshalb blöd fand. Mir ging es damals wie den Freunden Tommi und Annika in der besagten Szene. Es geht um Kommunikation.

Pippi hat mit den beiden einen Ausflug auf eine Insel gemacht, sie haben Proviant und ein Zelt dabei. Dann entdeckt Tommi, dass das Boot nicht mehr da ist und sie folglich ein Problem haben: Wie ohne Boot von der Insel wieder weg kommen? Als Tochter eines Seeräuberhauptannes weiß Pippi, dass Schiffbrüchige oft viele Jahre fest sitzen. Sie selbst ist davon nicht weiter beunruhigt, die anderen beiden jedoch wollen, dass sie jemand abholt. Auch hier weiß Pippi Rat, denn dafür gibt es die Flaschenpost.

Tommi kann am besten schreiben und so grübelt und grübelt er über die Botschaft, die mit der Flasche auf die Reise gehen soll. Aber ihm will einfach nichts einfallen, er fängt sich sogar einen Rüffel von Pippi ein: Wenn du nach Hause willst, musst du dich schon etwas anstrengen!

Was würden Sie schreiben?

Pippi macht einen absonderlichen Vorschlag, für den sie heftigen Widerspruch erntet: „Sind zwei Tage ohne Schnupftabak. Verschmachten auf dieser Insel.“ Das könne man doch nicht schreiben, wahr sei es auch nicht. Jedoch müssen die Geschwister auf Nachfrage zugeben, dass tatsächlich niemand Schnupftabak dabei hat. Sie wollen aber auch nicht, dass man denkt, sie hätten sonst immer welchen. Drauf fragt Pippi sie, wer denn wohl meistens keinen Schnupftabak hat: Die Leute, die schnupfen oder die, die das nicht tun. Da geben sie sich geschlagen und so wird die Nachricht dem Wasser übergeben.

Es geht hier also um den Wahrheitsgehalt der Botschaft und ihre Zielgruppe. Diese sieht Pippi unter den Seefahrern oder sogar Seeräubern, was ja auch sehr wahrscheinlich ist. Deshalb muss die Botschaft so dramatisch sein, dass sie einen hart gesottenen Seemann zum Handeln bewegen kann. Und ohne Schnupftabak zu sein ist, zumindest im Kontext eines Kinderbuches, sicher eines der schwersten Schicksale und geeignet, seemännische Solidarität zu wecken. Eine Nachricht von hilflos gestrandeten Kindern, die wohl eher den Vorstellungen von Tommi, Annika und mir als Kind entsprochen hätte, lockt dagegen keinen Seemann hinter dem Ofen hervor. Die stets besorgten anständigen Erwachsenen, die wohl damit angesprochen werden sollten, leben landeinwärts und sind mit einer Flaschenpost gar nicht erreichbar. Und für einen Fall von Seenot wären sie technisch gesehen sicher auch nur zweite Wahl.

Als erwachsener Werbungstreibender ist mir natürlich sonnenklar, dass der Erfolg einer Botschaft von der Anpassung an die Zielgruppe abhängt. Das bedingt aber, dass man seine Zielgruppe kennt. Wenn Sie sich also mal mit einem Projekt „gestrandet“ fühlen, überlegen Sie zuerst, WER Sie wieder in Fahrt bringen kann und dann WIE Sie eine entsprechende Handlung auslösen können. In unserer Geschichte übrigens warten die Kinder vergebens auf eine Reaktion. Das macht aber nichts, denn Pippi fällt ziemlich bald wieder ein, dass sie ja das Boot an Land getragen hatte, damit es nicht so nass wird.

Die Schwedin Astrid Lindgren gehört zu den bedeutendsten Kinderbuch-Autorinnen und hat noch viele weitere unsterbliche Charaktere geschaffen. Ihre Manuskripte stenographierte sie übrigens. Sie selbst starb im Alter von 94 Jahren im Januar 2002. Auch bei uns in Deutschland sind zahlreiche Schulen nach ihr benannt worden. Ab 2015 wird Ihr Portrait den schwedischen 20-Kronen-Schein zieren, den kleinsten „Kinder-Schein“. Sie tritt damit die Nachfolge von Selma Lagerlöf mit ihrem Nils Holgersson an.

Weiterführende Links:
Astrid Lindgren bei Wikipedia
Astrid Lindgren bei ihrem deutschen Verlag
Pippi Langstrumpf – private deutsche Fanpage

Quellennachweis Artikelbild: Composing unter Verwendung von Pressematerial des Friedrich Oetinger Verlages.

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