In jeder Farbe erhältlich:
Das blaue Wunder

Blau in verschiedenen Farbsystemen

Vergangenen Monat habe ich mich mit der kommunikativen Seite Ihres Firmenfahrzeugs beschäftigt, die in der Praxis mittels Lackierung oder Folierung umgesetzt wird. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gibt Ihnen Ihr Corporate Design dafür unter anderem definierte Farben vor, also nicht blau und rot, sondern ein ganz bestimmtes blau und ein ebenso festgelegtes rot. Damit beginnt dann auch das Elend in der Werbeproduktion, denn es ist nahezu ausgeschlossen, dass Sie auf unterschiedlichen Medien mit Ihrer immer gleichen Hausfarben erscheinen, sofern diese nicht weiß und schwarz sind und damit unbunt. Der immense Aufwand, den ganz große Firmen in dieser Angelegenheit betreiben, steht meiner Ansicht nach nicht im vernünftigen Verhältnis zum Ertrag. Mit was müssen meine Kunden also rechnen?

Die Druckindustrie und ihre Vorstufenbetriebe haben eine fundamentale Umwälzung hinter sich, die digitale Revolution hat in kürzester Zeit ehrenwerte Berufe und traditionelle Arbeitsweisen in die Bedeutungslosigkeit verwiesen und Preise verfallen lassen. Der einher gehende stetige Leistungsanstieg bei der Computer-Hardware und die Evolution des Internets zum Web 2.0 macht es heute jedermann möglich, für sich zu werben und entsprechende Produkte gestalten und herstellen zu lassen. Aber Jedermann und Fachmann haben unterschiedliche Qualitätsansprüche an das Ergebnis und diese sind in den vergangenen Jahren aufgrund der dargestellten Entwicklung zweifellos gesunken. Auch auf der Anbieterseite.

Selbstverständlich können meine Kunden nach wie vor mit meinem wachsamen Auge für die Konstanz ihres Corporate Designs bei der Verwendung unterschiedlicher Werbeträger rechnen. Jedoch sind mir Grenzen gesetzt, die ich auch nur zum Teil mit Geld überwinden könnte, wenn es um ihre definierten Farben geht. Schauen Sie sich mein Artikelbild an, in dem ich anhand eines eigenen Logos Farbnuancen simuliert habe:

Vierfarb-Druck
Alles, was mit einer Druckmaschine auf einen Druckträger gleich welcher Art gedruckt wird und bunt sein soll, wird standardmäßig aus den drei Körper-Grundfarben cyan, magenta und gelb sowie schwarz erstellt (CMYK). Mein hellblau habe ich als eine Mischung aus 71% cyan und 25% magenta als Basis für die Annäherung aller folgenden Farbdefinitionen festgelegt. Lasse ich das nun drucken, werde ich ein Ergebnis bekommen, das der hier zu sehenden Farbe ziemlich ähnlich sein wird. Der erste Nachdruck wird dem Originaldruck wiederum ziemlich ähnlich sein und beim zehnten Nachdruck werde ich ein repräsentatives Spektrum der möglichen Nuancenabweichungen vorliegen haben, die in einer Vielzahl von technischen und physikalischen Parametern im Laufe des Druckprozesses ihre Ursache haben können. Ich könnte natürlich mit einem Offsetdrucker an der Maschine stehen und so lange justieren lassen, bis ich ein mich zufrieden stellendes Ergebnis vorliegen habe. Das würde ich auch bekommen und es würde mich entsprechend viel Geld kosten.
Bei einer Digitaldruckmaschine stehe ich da aber ziemlich auf verlorenem Posten, hier interpretiert die Drucksoftware die einfließenden Daten für jeden Druckauftrag neu. Mit ihr steht und fällt das Druckergebnis, das zum Beispiel für gewisse Beige- und Fliedertöne manchmal sehr überraschend ausfallen kann. Auch sind Schwächen bei der Darstellung monochromer Flächen nicht selten. Dafür ist das Preis/Leistungsverhältnis im Bereich kleiner Druckauflagen überragend, weshalb Qualitätseinbußen im Vergleich zum Offsetdruck inzwischen im Allgemeinen akzeptiert werden. Brillante photorealistische Ausdrucke können tintenbasierte Digitaldruckmaschinen liefern, die üblicherweise in der Werbetechnik und im Großdruck eingesetzt werden. Manchmal geraten die Ergebnisse dabei vielleicht etwas zu brillant.

Bildschirmfarben
Bildschirmwerbung fand lange Zeit nur im Farbfernseher statt. Dessen Name nennt auch schon seine wichtigste Qualifikation: Er gibt eben nicht mehr nur schwarz-weiß wider. Heute steht in nahezu jedem Haushalt ein Monitor und bildet das Internet ab, gegebenenfalls auch noch das Fernsehprogramm. Trotz des beachtlichen technischen Fortschritts auch hier arbeitet das Gerät natürlich immer noch auf Basis der drei Licht-Grundfarben rot, grün und blau (RGB). Unterschiedliche Farbräume für Druck und Bildschirm jedoch produzieren zwangsläufig unterschiedliche Farbdarstellungen, nicht immer, aber zu oft. Ich habe aber für mein hellblau eine ziemlich passende Bildschirmfarbe gefunden, die mit #3399CC bezeichnet wird und sogar aus dem Bereich der 216 websicheren Farben kommt. Diese wurden zu einer Zeit definiert, als die Grafikkarten der Computer noch nicht so leistungsfähig wie heute waren mit dem Ziel, zumindest mit einer begrenzten Farbpalette konsistente Darstellungen auf verschiedenen Monitoren zu ermöglichen. Inzwischen braucht man da keine Rücksicht mehr zu nehmen – das definieren eines Farbäquivalents für die Bildschirmdarstellung zählt zu den lösbaren Aufgaben.

Volltonfarben
Die amerikanischen Pantone- oder europäischen HKS-Farben werden zusätzlich zum oder anstelle vom o.g. Vierfarb-Satz verwendet, aus dem sich ja beispielsweise Leucht- oder Metallic-Effekte natürlicherweise nicht erzielen lassen. Als fertig gemischte Farbtöne geben sie auch ein geschlosseneres Druckbild ab, als die entsprechend gerastert zusammen gedruckten CMYK-Farben. Obwohl hunderte von Abstufungen definiert wurden, sollte man darauf vorbereitet sein, Abstriche bei der Übereinstimmung mit seiner Referenzfarbe zu machen. Auch mein hellblau fällt im nächstgelegenen Ton HKS 48 sichtbar kräftiger aus. Mit seiner Verwendung bin ich weitgehend auf der sicheren Seite, was die Farbkonstanz bei verschiedenen Druck-Produkten angeht. Jedoch gibt es nichts, was es nicht gibt: Nachdem ich jahrelang die Büroausstatung eines Kunden unter Verwendung von blau HKS 44 geliefert hatte, fiel mir eine Farbabweichung auf, die auch die Druckerei nicht erklären konnte. Recherchen ergaben schließlich, dass die Definition der Farbanteile offiziell geändert wurde, das blau sah ab jetzt eben etwas anders aus.

Folienfarben
Jetzt sind wir wieder bei Ihrem Firmenfahrzeug angekommen. Hier und im Bereich der Schilder- und Schaufenstergestaltung kommen durchgefärbte Folien unterschiedlicher Qualitätsstufen zum Einsatz. Dabei besteht die gleiche grundsätzliche Problematik, wie bei den Volltonfarben: Das Angebot an Abstufungen ist begrenzt, dabei aber noch weniger umfangreich. Ihre Folienprodukte von mir sind mit großer Wahrscheinlichkeit von der amerikanischen Firma Avery Dennson hergestellt worden, weshalb ich deren Farbpalette in meinem Downloadbereich zur Orientierung zur Verfügung stelle. Immerhin habe ich für mein Beispiel mit 877 bright blue eine passende, wenn auch etwas zu kräftige Farbe gefunden.

RAL-Farben
In der Industrie kommen Farben nach dem RAL-System zum Einsatz, damit wird gestrichen, lackiert, beschichtet usw. Ein richtiges Farbsystem ist das eigentlich nicht, was unter der nach dem 1925 in Berlin gegründetem Reichsausschuss für Lieferbedingungen benannten Abkürzung zu finden ist. Hier wurden und werden bis heute Farben zur industriellen Verwendung definiert, Tarnlackierungen für Militärfahrzeuge ebenso wie das bekannte Taxibeige oder Signalfarben für Rettungskräfte. Auch haben sehr große Firmen eigene RAL-Farben festgelegt, die Lufthansa zum Beispiel melonengelb und nachtblau. Inzwischen jedoch gibt es auch eine Skala von gebräuchlichen, allgemeinen Farben, die ich mir z.B. im Baumarkt anmischen lassen könnte, um mein Büro damit zu streichen. Farbe meiner Wahl wäre lichtblau RAL5012, obwohl es deutlich dunkler ausfällt, als die Referenzfarbe.

Gerne würde ich diesen Artikel optimistisch beenden, was das Ergebnis unserer Bemühungen um Farbkonsistenz in der Werbeproduktion betrifft. Den Dolchstoß versetzen wir uns jedoch selbst, denn kein Mensch weiß vom Anderen, in welcher Qualität er Farben und Farbnuancen wahrnimmt. Für mich am Ende der Ausschlag gebende Grund, zu einer gewissen Toleranz zu raten und die finanziellen Aufwendungen in einem angemessenen Rahmen zu belassen.

Weiterführende Links:
Farbenrausch: Der Hamburger Werbeartikel-Hersteller Gifftis hat einen sehr schönen „Farb-Umrechner“ auf seiner Homepage zu bieten, inklusive Farbtabellen für Pantone-Farben
Farbenrausch 2: Eine Tabelle der HKS-Farben inklusive Umrechnungswerten in andere Systeme
Farben aus dem HKS- und Pantone-System sowie Folien-Farben von Avery Dennson im Downloadbereich auf eddingweb.de

Quellennachweis Artikelbild: Composing unter Verwendung eines Logos des Folienherstellers Avery Dennson. Farbfächer: Wikipedia.

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